Die Freizeit unserer Kinder
Wie verbringt man sie in Tani?

Liebe Leser,
heute möchte ich Ihnen gern einmal erzählen, wie unsere Kinder ihre Freizeit im Kinderdorf verbringen - im Grunde nicht anders als unsere Kinder in Europa. Fröhlich und ausgelassen spielen sie auf dem großzügigen Gelände, finden sich mit Freunden zusammen, gehen ihren Interessen nach. Es gibt Kinder, die lebhaft auf Bäumen herumklettern, Volleyball spielen, Kinder, die lieber in Ruhe malen oder basteln.

Ich selbst arbeite in einer Kindertagesstätte und erlebe täglich, womit sich Kinder verschiedener Altersgruppen beschäftigen. Darum hat es mich nicht verwundert, dass unsere jüngeren Kinder in Tani ebenfalls Rollenspiele über alles lieben und sie ganz intensiv ausleben. Schön war es für mich zu sehen, wie sie Verkaufsstände bauten, ihre „Waren“ anpriesen. Alles, was sie irgendwo fanden, wurde dazu verwendet. Dazu gehörten leere Colaflaschen, Trinkbecher, Strohhalme… Sie waren ständig miteinander in Kontakt als Verkäufer und Kunden. Obwohl ich ihre Sprache kaum verstand, war mir beim Zuschauen klar, wie ernsthaft sie ihr Spiel gestalteten. Für mich war es sehr schön, die Kinder so unbeschwert spielen zu sehen!

Unglaublich beeindruckt haben mich die Interessen der Jungen. Sie sind ausgesprochen kreativ und geschickt und bauen und werkeln ständig mit allem, was ihnen in die Hände fällt. Sokly ist ein besonderer Erfinder. Mittels eines Holzbretts baute er ein „Auto“ zusammen. Damit fuhr er auf dem Gelände herum, ließ sich ziehen und schieben und verwendete es später als Transportmittel der Reissäcke. Er hat das Zeug zu einem Ingenieur! Immer war sehr viel Spaß und Freude bei den Kindern dabei.

Auch unser großer Puy ist sehr geschickt im Umgang mit Holz, Säge und Messer. Er kann nicht nur vortrefflich nähen, sondern bewährt sich bereits als zukünftiger Zimmermann. Unter dem wachsamen Auge unseres Zivildieners Felix, der selbst Schreiner ist, zimmert er fachmännisch die interessantesten Gefährte zusammen. Dabei ist er ständig umringt von interessierten jüngeren Kindern, die von Puy lernen und seine Geschicklichkeit natürlich bewundern.
Ich bewundere ihn selbstverständlich auch, habe aber diesen vorsichtigen Pädagogenblick auf seine nackten Füße, das gefährlich aussehende große Messer und die Befürchtung, dass er sich verletzen könnte. Was sind wir erwachsenen Menschen doch manchmal für unverbesserliche Zweifler!

In Kambodscha treffe ich niemals auf solche Vorbehalte. Die Kinder wachsen vom jüngsten Tag völlig unbeschwert in ihr Leben hinein und dürfen ihre Erfahrungen machen. Niemand begrenzt sie in ihrem Tun. Von dieser vernünftigen und gesunden Einstellung kann ich eine Menge lernen! Wenn man Kinder nicht ständig einengt, wachsen sie über sich selbst hinaus, werden zu Erfindern, kreativ und selbstbewusst – selbstständig sowieso. Diese Erkenntnis nehme ich wieder einmal aus Tani mit nach Hause.
Freuen Sie sich mit mir darüber, dass die Kinder in unserem Kinderdorf viele schöne und sinnvolle Möglichkeiten haben, ihre Kindheit ausleben zu dürfen!

Ursula Beyer
Vorstandsvorsitzende Verein Deutschland