Kinderschicksal: Beispiel 2

 

Hier ist die traurige Geschichte  eines  kleinen Mädchens aus unserem  Kinderdorf zu lesen, die mich zutiefst berührt:
Bereits im Alter von zwei Jahren verliert sie ihre Mutter. Sie wird von einem Blitz erschlagen, als sie die einzige Kuh der Familie vom Feld heimholen möchte. Der Vater heiratet  wieder, weil er eine neue Mutter für das Kind sucht. Er weiß nicht, dass diese Frau HIV positiv ist. Bereits ein Jahr nach der Heirat stirbt auch sie. Möglicherweise weiß der Vater nichts von dieser tödlichen Krankheit, doch nun beginnt auch für ihn eine grauenvolle Zeit. Er hat sich angesteckt. Der Vater versucht, sein Kind und sich selbst so gut es geht, zu versorgen. Er verkauft die spärlichen Produkte seiner Viehwirtschaft – Hühner, Enten. Auch die Kuh war vom Blitz erschlagen worden – es bleibt der Familie fast nichts, um überleben zu können. Der Gesundheitszustand des Vaters verschlechtert sich dramatisch. Er magert ab, es fehlt ihm die Kraft, zu arbeiten. Auch die Nachbarn der Familie sind arm, aber sie versorgen das Kind und ihren Vater mit Nahrungsmitteln, so weit es ihnen möglich ist – eine Selbstverständlichkeit der Nächstenliebe in Kambodscha. Irgendwo gibt es noch Verwandte, aber sie haben den Kontakt seit Jahren abgebrochen. Der Vater wird immer gebrechlicher und seine Sorge um das kleine Mädchen wächst mit jedem Tag. Ihm bleibt nur noch ein Weg, denn er weiß, dass seine Tage gezählt sind.

Ein letztes Mal wäscht er sie liebevoll an einem großen Tonkrug hinter der Hütte. Er zieht dem Mädchen saubere Kleidung an, umarmt sie, weint –er weiß, dass er sie nur noch selten wiedersehen wird. Das kleine Mädchen weiß das noch nicht. Gemeinsam mit dem Vater wird sie zum Kinderdorf begleitet. Unterwegs gibt es endlich einmal reichlich zu essen für diese beiden ausgehungerten Menschen. Das Kind hat Gelegenheit, ihren Vater manchmal zu besuchen. Sie erzählt vom Leben im Kinderdorf und der Vater ist froh, dass sich seine Tochter allmählich eingewöhnt, nicht hungern muss und zur Schule gehen kann. Dennoch fällt es dem Mädchen sehr schwer, mit dieser großen Last und den Erinnerungen umzugehen. Sie ist still und zurückhaltend. Selten sehe ich sie lächeln.

Inzwischen ist der Vater verstorben und das Kinderdorf ist nun endgültig die Familie für das Mädchen geworden. Dort kann sie behütet aufwachsen und ich hoffe sehr, dass über die Jahre hinweg Licht und Freude in ihrem Kinderherz mehr Platz finden als Traurigkeit.

Ursula Beyer
Vereinsvorsitzende in Deutschland