Kinderschicksal: Beispiel 3

 

In Kambodscha gelten Kinder, die von ihren Eltern verlassen wurden, ebenfalls als Waisenkinder.
Wir haben in unserem Kinderdorf 3 Geschwister, auf die jenes Schicksal leider zutrifft. Der Vater der Kinder hatte die Familie schon vor Jahren verlassen. Die Mutter kümmerte sich nun allein um ihre  Kinder. Doch auch sie hatte wohl andere Pläne und verließ sie einfach, ohne Erklärung, ohne Abschied. Wie einsam müssen sich die drei gefühlt haben! Sie verstanden nicht, warum man sie allein ließ und glaubten, dass sie von ihren Eltern nicht geliebt wurden.

Der 4- jährige Junge wurde zu Mönchen gebracht, die 5 Monate für ihn sorgten. Die beiden Mädchen lebten bei ihren Großeltern weiter, die bereits fast 70 Jahre alt waren. In der Hütte der Großeltern herrschte bittere Armut, zudem waren sie schon sehr gebrechlich. Dennoch taten die beiden alten Leute für die Mädchen was in ihrer Macht stand und versorgten sie wenigstens mit etwas Essen und einem Dach über dem Kopf. Nachbarn halfen dabei, wenn die Not zu groß wurde.

Eines Tages wurde der Kinderdorfleitung von dem kleinen Jungen berichtet. Es dauerte auch nicht lange, bis die Mönche bereit waren, ihn in die Obhut unserer Hausmütter zu geben. Zuvor jedoch erfolgte eine genaue Inspektion des Kinderdorfes. Dabei berichteten die Mönche auch von den Schwestern. Schon nach wenigen Tagen wurden auch sie in das Kinderdorf aufgenommen. Es gab ein glückliches Wiedersehen der Geschwister, die sich 5 Monate lang nicht gesehen hatten. Der Gedanke daran, von den Eltern verlassen und dann auch noch getrennt zu werden, ist einfach furchtbar für mich. Diese armen Kinder müssen eine schreckliche emotionale Zeit hinter sich haben!
Die Großeltern waren einerseits sehr traurig darüber, die Kinder nun weggeben zu müssen, andererseits waren sie jedoch sehr froh, diesen guten und sicheren Weg für ihre Enkel gewählt zu haben. Sie blieben noch ein wenig bei den Kindern und überzeugten sich von dem guten Essen, den schönen Wohnhäusern im Kinderdorf und freuten sich, wie liebevoll die Geschwister von allen aufgenommen wurden.

Ich erlebe bei meinen Besuchen immer wieder, dass es den Kindern nach wie vor nicht möglich ist, zu verstehen, warum sie von ihren Eltern verlassen wurden. Sie haben schwer daran zu tragen und ich denke, vor allem ihr Zusammensein als Geschwister hilft ihnen ein wenig darüber hinweg. Das älteste Mädchen hat diese Hürde schon ein wenig genommen, denn man sieht sie oft lachen. Ihre Schwester ist manchmal sehr schwermütig, obwohl alle sie mögen und sie längst Freunde im Kinderdorf gefunden hat. Am schwierigsten war und ist wohl auch heute noch die Situation für den Jungen. Er ist im Grunde ein fröhliches Kind, kann hinreißend singen und tanzen. Dennoch überkommen ihn häufig Tränen. Besonders schlimm ist es für ihn, wenn seine Hausmutter freie Tage hat und das Kinderdorf verlässt. Dann erinnert er sich wahrscheinlich voller Angst daran, schon zweimal verlassen worden zu sein.

Es ist sicher sehr schwer, den Kindern eine absolute Sicherheit zu geben, dass sie immer im Kinderdorf bleiben dürfen, dass stets liebe Menschen da sind, die ihnen Halt und Geborgenheit geben werden. Wir können nicht in ihre verletzten Kinderseelen hineinschauen, wir können lediglich versuchen, mit großem Verständnis und sehr viel Feinfühligkeit ihre Kindheit ein bisschen hoffnungsvoller zu gestalten. Dafür sorgt die große Kinderdorffamilie jeden Tag.

Ursula Beyer
Vereinsvorsitzende in Deutschland